Da ich noch keinen passenden Thread gefunden habe eröffne ich mal einen.
Da das Thema ja derzeit in Mode ist, dank des mittlerweile über 3 Millionen mal verkauften Buches von Hans Peter Kerkeling (über 2 Jahre auf Platz 1!!!) ist das Thema "pilgern" und "Jakobsweg" ja in aller Munde.
Auf die Idee gebracht hat mich im Dezember 2006 ein Kumpel der mir nur sehr wage etwas erzählte von wandern, Gastfreundschaft, netten Leuten und usw. Mein Interesse war geweckt.
Im Internet las ich mich dann bei Wikipedia etwas in das Thema ein. Dazu fand ich ein "Pilgerforum" im Internet. Im Januar nahm ich mir dann vor auch den Jakobsweg zu gehen. Mich begeisterte in erster Linie die Herausforderung 700km zu fuß zu gehen, Berg auf Berg ab, durch karge, steppenähnliche Landschaften. Weiterhin klang es verlockend sich soviel zeit für sich selber zu nehmen, so viel Zeit zum Nachdenken. Viele Leute bezeichnen das Pilgern als eine Art Seelenreinigung.
Und dann gibt es da noch den Aspekt des Glaubens zu Gott. Da der Pilgerweg eng mit dem Christentum verbunden ist steht es bei den meisten Pilgern im Vordergrund unterwegs Gott zu begegnen. Ich selbst bezeichne mich nicht als übermäßig gläubig, aber auch aus Fragen der Rechfertigung habe ich mich dem möglichen Treffen mit Gott unterwegs nicht verschlossen. Es war also nicht mein erklärtes Ziel "Gott zu treffen" - aber zumindest war ich offen dafür.
im März 2007 melde ich bei meinem Arbeitgeber den Wünsch an im Mai 2008 für 6 Wochen + X Urlaub/Frei zu bekommen. Bei der Personalsituation im Jahr 2007 könnte ich locker meine 200 Überstunden (=5 Wochen frei) erarbeiten und mir knapp 3 Wochen Urlaub aufsparen, eine sicherlich nicht einfache Zeit wenn man so lange Schicht auf Schicht knüppelt, aber es war ja alles für mein großes ziel: 27.05.2008
Anfang 2008 verdichteten sich dann die Meldungen, dass aufgrund der großen Verkaufszahlen von Kerkelings Buch die Touristen und Gelegenheitspilger zum massen nach Spanien reisen um auf den Hauptweg von St Jean Pied de Port (Französisch - Spanische Grenze) nach Sandiago zu pilgern. Immer wieder wurde von überfüllten Herbergen berichtet. In Spanien kriegen die zuerst ein Bett die zuerst da sind. Reservierungen gibt es nicht. Außer in den Hotels, aber wer kann es sich schon leisten 3 - 5 Wochen in Hotels zu schlafen. Dieser "run auf die Betten" nahm schon solche Formen ab, dass Pilger morgens um 4 Uhr mit Stirnlampe bewaffnet die Herbergen verließen um sich gegen Mittag auf die freien Betten zu stürzen. Sogar die "Nachtpilger" waren gebohren. Trotz dieser Warnmeldungen buchte ich Anfang April mein Zugticket nach St Jean Pier de Port, ohne Bahncard oder sonstige vergünstigungen zahlte ich günstige 139 Euro. Je näher doch der Reisebeginn rückte, desto mehr verlor ich die Lust. Alleine die Vorstellung sich auf einen solch stark frequentierten Weg zu begeben, in dem man ständig umringt ist von Menschen, Touristen und Wochenendpilgern verdarb mir ziemlich die Lust daran. Ich verliere immer schnell die Lust an den Sachen "die alle machen". Also nahme ich mir die Karte mit allen Pilgerwegen aus Europa und schaute wo kann man von St Jean Pier de Port noch hinlaufen, der Weg ist schließlich das Ziel. Ich suchte mir den Weg nach Genf aus, 1050km durch Frankreich. Etwas länger als ursprünglich geplant, aber über der magischen 1000 km Grenze. Meinen Urlaub bekam ich übrigens auf 7 Wochen genemigt.
Ja und dann ging es los. Am 28.05.2008 um 3:19 Uhr mit dem 1. ICE ab München, über Mannheim, Paris, Paris Metro, Bayonne nach St Jean Pier de Port, Ankunft 19:38 Uhr.
Rein Rechnerisch so hatte ich kalkuliert müsste ich 25 km am Tag gehen (Rechnung ohne Ruhetage!). Mein Rucksack wog stolze 16 kg. Meine letzten Wanderungen liegen schon 10 Jahre zurück. Und so war ich ausgerüstet, auf Wandern & Camping, was eindeutig zuviel war. Zwar hatte ich kein Zelt, aber viele andere Sachen die ich eigentlich nicht bräuchte. Für 40€ (!) schickte ich in der ersten Woche 2 Pakete nach Hause weil ich einfach viel zu viele Sachen dabei hatte. Diese Erfahrung macht aber jeder. in der ersten Woche fand ich dann schnell heraus dass ich zwar 40Km am Tag gehen konnte, dies aber die obere Grenze darstellte. Eine Strecke von 30Km täglich war aber durchaus machbar. Pilgerherbergen, sogenannte Gite, hab es auf den ersten 710km ca alle 10 - 15 Kilometer. Übernachtung ca. 7 - 13 Euro. Nach den 710 km kam ich in der Stadt Le Puy an, wo der Weg weiter nach Genf erst seit 10 Jahren durchgängig als "Fernwanderweg 65" markiert ist. Es wurde damit eine Verbindung zu den Pilgerwegen in der Schweiz und damit Anschluß nach Deutschland und Österreich geschaffen. In Genf kam ich am 04.07.2008 an. Im strömenden Regen. Nach einem Tag Aufenthalt (der 1. Ruhetag auf der Reise) fuhr ich mit dem Zug nach Basel. Da ich eine Woche schneller in Genf war als geplant, aber die verbleibenden 7 Tage nicht ausreichen würden, um bis nach München weiterzulaufen, kaufte ich mir Spontan in Basel ein gebrauchtes Fahrrad und dann ging es entlang des Rheins und über den Bodensee nach Ulm, Günzburg und dann über Augsburg nach München, wo ich am 11.07.2008 pünktlich zu einer Grillfeier mit meinem Freundeskreis um 18 Uhr eintraf. Insgesammt war ich 46 Tage unterwegs. Mein Rucksack wog nun noch ca. 9 Kilo - inklusive unterwegs gekauftem Zelt (1,6kg). Ich kam also an Ende mit der hälfte der Sachen aus. Ich habe von 76kg auf 72kg abgenommen.
Ich habe von der Reise unvorstellbar viele Eindrücke und Erinnerungen (neben 4081 Fotos) mitgenommen. Diese Zeit die ich für mich selber hatte war unbeschreibbar, ich selber hatte alle Entscheidungsgewalt in der Hand. Die kleinen Dinge werden wichtig, man lernt mit wie wenig man auskommt und was einem wirklich wichtig ist im Leben. Und wenn kann keinen Supermarkt in der nähe weiß, um 17Uhr noch kein Platz zum schlafen gefunden ist, all das nimmt man mit Ruhe und Gelassenheit hin. Der Weg wird mich schon führen und mir all das geben was ich brauche. 1300 € benötigte ich um die 46 Tage über die Runden zu kommen. Darin 70€ Fahrrad, 50€ Porto, 50€ Telefonkarten. Nicht umsonst, aber trotzdem ein Erlebnis dass ich nicht missen möchte.
Noch fragen?